Gestern Abend begann in der Bremer "Glocke" die Lesetour zum dritten "Reckless"-Band von Cornelia Funke aus dem Dressler-Verlag. Es wird wohl kaum jemanden geben, der in den letzten Jahren nicht auf die eine oder andere Weise Kontakt zu ihren Büchern, wie "Die Wilden Hühner", "Tintenherz" oder "Herr der Diebe" hatte. Dies ist natürlich auch bei mir der Fall. Trotzdem musste mich eine gute Freundin erst mit der Nase auf diese Veranstaltung stoßen. Es war für mich sofort klar, dass ich zu dieser Lesung musste. Direkt ab in die Innenstadt und auf einigen Thalia-internen Umwegen konnte ich uns tatsächlich Plätze in der vierten Reihe sichern.
Bei unserem Eintreffen war das Foyer der Glocke schon mit Signiertisch und Bücherstand der Bremer Thalia-Filiale auf das Thema des Abends eingestimmt. Es füllte sich schnell und endlich wurde auch der kleine Saal geöffnet. Die fantasievoll dekorierte Bühne wartete mit den zahlreichen Gästen auf die Hauptperson des Abends. Das Fernsehteam von Radio Bremen suchte sich hektisch die passenden "Opfer" im Publikum für Großaufnahmen.

eine Thalia-Mitarbeiterin der Moderator des Abends, der NDR-Hörspiel-Redakteur

Zu guter Letzt kamen die beiden auf das Skizzenbuch in Jörgpeters Hand zu sprechen und somit auf das, womit sich Cornelia zur Zeit beschäftigt. Anfang 2016 wird wahrscheinlich das nächste Buch für etwas jüngere LeserInnen erscheinen, den Nachfolger von Drachenreiter. Sie gewährte einen Blick auf eine Doppelseite, die auf der einen Hälfte eine grandiose Skizze zeigte und auf der anderen die Erstfassung des Textes enthielt. Inzwischen haben sich bei ihr schon um die 40 Skizzenbücher gesammelt, nachdem sie in einem Urlaub begann, ihre Geschichten wieder per Hand zu schreiben. Gleichzeitig ein Tipp an alle angehenden Autoren, die ihre erste Fassung auch niederschreiben sollen, bevor sie sie später in den Computer korrigiert übertragen.

Nachdem ihre Karriere als Illustratorin für andere Autoren begann, habe das Pendel irgendwann die Kreativität auf das Schreiben gelenkt, erzählte Cornelia. In letzter Zeit komme dem Zeichnen wieder eine größere Rolle zu. Es habe sich so etwas wie ein Gleichgewicht "eingependelt", erklärte sie die großflächige Skizze.
Selbstverständlich ist dies aber noch keine Endfassung. Dafür wird der "Rohling" noch mehrfach überarbeitet. Beim Überarbeiten käme ihr immer wieder die Frage in den Sinn "Wie kommt es eigentlich, dass du dich Schriftstellerin nennen darfst?". So hölzern komme ihr ihr eigener Stil vor.


In den insgesamt drei Leseabschnitten werden uns die verschiedenen Charaktere Jacob, Will und Fuchs präsentiert, es gibt spannende und äußerst unterhaltsame Momente und die Neugier auf den dritten Band dürfte bei jedem gestiegen sein, der das Buch noch nicht verschlungen hatte. Da ich ungern spoilere, werde ich nichts verraten, außer dass es wieder spannend zugeht und viel Neues darauf wartet, von den LeserInnen entdeckt zu werden.
Nach dem ersten Teil der Lesung zogen sich die Drei in die kleine Sitzecke zurück und Jörgpeters Fragen brachten uns Cornelia und ihr Werk näher. Es ging um eher mit Vorsicht zu genießende filmische Umsetzungen, ihre Art zu Schreiben und ihre Werke.
Verfilmungen seien immer wieder schmerzhaft, weil vieles wegen der Kosten oder anderer Faktoren unter den Tisch fielen. Sie favorisiert das Hörspiel, weil hier die Stimmen das Kopfkino ergänzen.

Ein unterhaltsamer Überblick, der mit einer Facebook-Frage endete, die auf die später folgende Fragerunde mit dem Publikum einstimmen sollte. Die Reckless-Reihe wende sich ja an ein eher älteres Publikum. Ob es denn auch wieder etwas für die Jüngeren geben werde. Das konnte sie mit Hinweis auf das Skizzenbuch vom Anfang bejahen. Sie habe jetzt auch wieder kleine Kinder in der Familie, was die Anregungen für solche Bücher gebe. Aber grundsätzlich werde sie es nie allen Recht machen können.
Die Fragerunde wurde von den Gästen reichlich genutzt und neben ganz jungen Fans, für die Reckless noch nicht der richtige Lesestoff sein dürfte ("Erst mit mindestens 14 Jahren sollte man das erste Mal hinter den Spiegel gehen") und die Fragen zu Charakteren, Skizzen und dem Weg zum fertigen Buch stellten, fanden sich auch älteren Leserinnen, die Fragen zum eigenen Schreiben stellten. Hier erfuhren wir, dass für Cornelia der Ort selbst als Person verstanden wird. So hat ausgerechnet der rote Platz in Moskau viel mit dem "Goldenen Garn" zu tun. Überhaupt müsse man die Idee zunächst mit Realität "füttern", damit sie lebendig wird. Sie verglich ihren Schreibtisch mit einer Bühne, auf der sich viele Ideen wie Figuren tummelten. Jede schreie "Nimm mich, nimm mich." Doch erst, wenn sie sich eine davon herausgepickt habe (oder die anderen vom Tisch gestoßen habe), würde sich herausstellen, ob sie für einen Roman oder doch eher nur für eine Kurzgeschichte tauge.
Und ja: vieles ihrer Charaktere ist dem echten Leben entnommen. So habe sie - nichtsahnend, dass sie heute mit ihm befreundet sein könnte - Brendan Frazer als Vorbild für Tintenherz gehabt. Sehr verwirrend, wenn die Figur dann doch nicht das tun würde, was das reale Vorbild tun würde. Deshalb nimmt sie heutzutage nur noch Fotos aus alter Zeit. Auf diesem Wege ist sie auch von ihrer Vorliebe für das Mittelalter (Lieblingsbücher "The Princess Bride" und "Der König von Camelot") auf das 19. Jahrhundert gekommen.

Diese bildgewaltigen Schilderungen, die so ganz zum Bild der geborenen Erzählerin passen, machten diese Runde zu einem rundum gelungenen und spannenden Abschnitt, der dank zweier Fragen, die ihr noch nie gestellt worden seien, sogar Cornelia zum Grübeln brachte. Unterhaltsam ging das Frage-Antwort-Spiel weiter und endete mit einem begeisterten Publikum, dessen Fragen alle ausführlich und ernsthaft beantwortet wurden.



Ein Fazit über diese hervorragende Lesung zu ziehen ist einfach. Ich kann nur jedem Empfehlen, die Chance zu nutzen, Cornelia Funke einmal live zu erleben. Sie ist durch und durch eine Erzählerin im besten Sinne des Wortes, die neben dem Schreiben und Zeichnen viele weitere Talente hat.

Gleichfalls genial war es, Rainer Strecker in Aktion zu sehen und mitzuerleben, wie er den Charakteren Leben einhaucht und ihnen ihre markanten Stimmen gibt. Ich weiß schon, wer mich auf den nächsten Autofahrten auf dem CD-Spieler begleiten wird.
Nachdem heute Hamburg Ziel der Lesereise war, gibt es morgen in Berlin und übermorgen in Leipzig noch die Chance, die Lesung live zu erleben. Da Radio Bremen und das ZDF Aufnahmen gemacht hat, dürfte auch im Fernsehen darüber berichtet werden (Link zum RB-Beitrag und zum ZDF heute). Habt ihr nicht die Chance, dann greift nach Buch oder Hörbuch und lasst euch in die Spiegelwelten entführen, vielleicht begegnen wir uns dort.

Weitere Bilder der Lesung findet ihr auf Facebook oder Flickr.
Außerdem ist die englischsprachige Mirrorworld-Seite und zugehörige App zu empfehlen, die euch mit weiteren Hintergrundinfos versorgt.
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